9 Fragen an den Lehrer Patrick Bronner

Aktualisiert: vor 6 Tagen

Mein Interview-Partner ist Patrick Bronner. Wir haben uns vergangenen November bei einem BarCamp in Freiburg zum Thema Digitalisierung kennengelernt und hatten schon dort einen sehr spannenden Austausch. Jetzt habe ich mit ihm über zeitgemäßen Unterricht gesprochen.


Patrick ist Lehrer für Mathematik und Physik am Friedrich-Gymnasium in Freiburg.

Außerdem ist er Mitglied im Landesfachausschuss für Schule und Bildung der CDU Baden-Württemberg und Mitglied des Beratungskomitee ICSE (International Centre for STEM Education) der Pädagogischen Hochschule Freiburg.

Beeindruckend: 2016 erhielt Patrick den Deutschen Lehrerpreis für innovativen Unterricht. Hier geht es zu einem Bericht von Galileo.

Seine Devise lautet:

Tablet oder Kreidetafel? Die Mischung macht’s!

und damit hat er Erfolg!


1. Im „normalen“ Schulalltag: Tablet vs. Kreidetafel. Wie oft und wann verwendest Du was?


Ich setze beide Medien immer parallel ein. Den klassischen „Heftaufschrieb“ und ausführliche Übungsaufgaben erstelle ich direkt am Tablet mit dem Stift in der App „GoodNotes“. Wenn Fragen aufkommen oder Zusatzerklärungen notwendig werden, dann wechsle ich flexibel zur Kreidetafel. In unseren Klassenzimmern ist die Projektionsfläche des Beamers direkt über der Kreidetafel. Beide Medien können gleichzeitig verwendet werden. Der Vorteil am Lehrer-Tablet: Neben dem Einsatz von Bildern, Videos, Lernplattformen und Animationen ist der Tafelaufschrieb direkt nach der Stunde in der Cloud für kranke Schüler verfügbar. Der Vorteil an der Tafel: Die funktioniert immer und muss nicht erst „hochgefahren“ werden. Wir haben uns ganz bewusst für das Tablet -Kreidetafel Konzept und gegen interaktive Tafeln entschieden. Mit dem Lehrer-Tablet ist digitales Arbeiten im Gegensatz zur digitalen Tafel zeit- und ortsunabhängig möglich – gerade jetzt im Corona-Fernunterricht profitieren alle davon.

2. Welche Chancen siehst Du in Digitalen Medien für den Unterricht?

Zunächst fördern digitale Medien die Motivation im Klassenzimmer und führen bei richtigem Einsatz sogar zu besseren Schulleistungen. Der Zusammenhang ist kein Wunschtraum, sondern das Ergebnis einer Meta-Studie der Technischen Universität München zum Einsatz von digitalen Medien im MINT-Unterricht. Im Klassenzimmer geben digitale Medien Freiräume für individuelle Lernwege und fördern mit entsprechenden Arbeitsaufträgen die Kreativität. Häufig werden die neuen digitalen Möglichkeiten jedoch nur dazu genutzt, um traditionelle Unterrichtsabläufe effektiver und schneller zu erreichen. Statt zur Reproduktion von Wissen sollten digitale Medien vor allem zur Förderung und zur Stärkung von Kompetenzen wie Kommunikation, Kollaboration, Kreativität und kritischem Denken (4K) eingesetzt werden. Hierzu ist eine Verknüpfung von mobilen Endgeräten mit individuellen, forschenden, kreativen und projektartigen Arbeitsaufträgen ein gangbarer Weg.

3. Kannst Du den Lesern die vier Gebote erläutern, nach denen Du digitale Medien mit in den Unterricht einbeziehst?

Die sogenannten vier Gebote für den sinnvollen Medieneinsatz haben wir aus den Ergebnissen der empirischen Unterrichtsforschung abgeleitet und auf die Begebenheiten unserer Schule angepasst. Die zugehörige Graphik mit den „vier Geboten“ (siehe Bild) hängt bei uns gut sichtbar im Lehrerzimmer.


4. Es gibt bestimmt Lehrer, die sich noch gegen digitale Medien wehren, oder?

Bei uns hat jeder Lehrer und jede Lehrerin für den Einsatz im Unterricht und die Unterrichtsvorbereitung zu Hause vor drei Jahren sein eigenes Tablet mit Stift und Tastatur erhalten. Dafür wurde in den 30 Klassenzimmern auf eine mediale Ausstattung mit teurer Medientechnik (Dokumentenkamera, Computer, Medientisch und interaktiver Tafel) komplett verzichtet. Viele Anwendungen wie das digitale Klassenbuch, das digitale Notenbuch, die Schul-Cloud, der Schul-Kalender und die gesamte Schul-Kommunikation funktionieren datenschutzkonform über das Lehrer-Tablet. Somit sind die Kolleginnen und Kollegen eigentlich fast dazu gezwungen das Gerät in jeder Unterrichtsstunde zumindest für den Eintrag ins digitale Klassenbuch einzusetzen. Und dann ist es auch nicht mehr weit zu einfachen Anwendungen wie dem Zeigen von Bildern, Filmen und Animationen. Das Lehrer-Tablet-Konzept hat bei uns innerhalb von kurzer Zeit auch die größten Digital-Skeptiker überzeugt. Im Kollegium entstand nach der Ausgabe des Lehrer-Tablets ein regelrechter FLOW. Ich kann jedem Schulleiter raten auf das Lehrer-Tablet-Konzept zu setzen.

4. Welche Lern-Apps für Schüler und Lehrer kannst Du empfehlen?

Da kommt es wirklich auf das Fach, das Thema und die Klasse an. Zum kreativen Arbeiten verwenden wir ComicLife, GreenScreen und iMovie. Für die Lernprozessdiagnose Kahoot, Socrative und Quizlet. Zum Erstellen von eigenen Schüler-Apps LearningSnacks, h5p und LearningApps. Für Evaluationen im Klassenzimmer MinnitBW, Mentimeter und Nextcloud Forms. Für zeitlich unabhängige Diskussionen in den Geisteswissenschaften Kialo und Padlet. Für Mathematik bettermarks, GeoGebra und Shapes. Für die Naturwissenschaften Sparkvue, NetonDV und Schallanalysator.

5. Wie hast Du das digitale Home-Schooling Deiner Schüler in den letzten Wochen organisiert?

Für uns stand der soziale Kontakt im Fernunterricht an der ersten Stelle. Am Anfang über den FG-Chat, dann über die Videokonferenz Zoom, jetzt datenschutzkonform über Cisco Meraki. Wichtig ist im Fernunterricht eine gute Mischung aus synchronen Lernphasen mit Videokonferenz und asynchronen Lernphasen mit eigenständigen, kreativen und offenen Arbeitsaufträgen.

6. Was waren die größten technischen Herausforderungen? Und welche Lösungen habt Ihr erarbeitet?

Die größte Herausforderung war und ist die Funktion des eigenen Schulservers. Alle datenschutzkonformen Schul-Anwendungen wie FG-Mail, FG-Cloud und FG-Chat wurden in der Corona-Krise zum ersten Mal gleichzeitig von 500 Personen benutzt. Teilweise haben sich die Schüler und Lehrer gleichzeitig mit drei Endgeräten (Smartphone, Tablet und Computer) am Schulserver angemeldet. Der limitierende Faktor ist derzeit neben der Bandbreite des Glasfaserkabels (200 MBit/s symmetrisch) die Serverleistung (nur 12 Kerne). Zu den Stoßzeiten (9-14 Uhr) ist der Server voll ausgelastet, wodurch einige Anwendungen nur noch sehr langsam oder überhaupt nicht mehr (Videokonferenz über Nextcloud Talk) funktionieren. Am 25.03.20 kam es zum Shutdown: Um die Leistung des Servers zu steigern haben wir ein Update auf die aktuelle Software durchgeführt.  Unter der Datenlast ist im Anschluss ein Serverdienst nach dem anderen ausgefallen. Mail, Cloud & Chat? Es ging nichts mehr - und das zur besten Lernzeit um 9 Uhr. Wir als Schule waren mit dem Problem völlig auf uns gestellt. Rückgriff auf IT-Profis über den Schulträger? Fehlanzeige! Nach mehreren Tagen haben wir das System mit externer Unterstützung von IT-Experten wieder vollständig zum Laufen bekommen. Eine Firma mit 50 MitarbeiterInnen hat eine IT-Abteilung mit festangestellten Informatik-Experten. Eine Schule mit 500 Lernenden hat einen technikaffinen Lehrer ohne IT-Ausbildung, der die gesamte Hardware für zwei bis drei Anrechnungsstunden pro Woche versucht am Laufen zu halten. Zur Entlastung brauchen die Schulen ein vom Schulträger zentral gemanagtes Serversystem und einen verlässlichen Support von außen. Lehrerinnen und Lehrer wurden zum Unterrichten ausgebildet und nicht um möglichst kostengünstig IT-Dienstleistung zu übernehmen. So wie jetzt darf es nicht weitergehen.


7. Wie sind Deine weniger digitalaffinen Kollegen mit der Herausforderung umgegangen?

Der Einstieg in den Fernunterricht war für alle Kolleginnen und Kollegen eine ziemliche Herausforderung! Das Mail-System und die Schul-Cloud haben wir schon seit über drei Jahren. Richtig genutzt wurden die digitalen Anwendungen vielleicht von 25% der KollegInnen und Kollegen. Am letzten Schultag vor dem Shutdown haben wir relativ spontan eine schulinterne Lehrerfortbildung zur Bedienung der Kommunikationssysteme angeboten. Zum weiteren Erfahrungsaustausch und der kontinuierlichen Schulung des Kollegiums wurden in den letzten Wochen zwei schulinterne Lehrerfortbildungen über eine Videokonferenz durchgeführt. Hier ging es ganz konkret um die Lerndiagnose und das kollaborative Arbeiten mit digitalen Medien im Fernunterricht.

8. Hast Du Ideen, wie weniger begüterte Eltern ihren Kindern die nötige digitale Infrastruktur zur Verfügung stellen können?

Für den spontanen Einsatz von digitalen Medien im Unterricht ist es sinnvoll, wenn jede Schülerin und jeder Schüler z. B. ab der 8. Klassenstufe auf ein eigenes mobiles Endgerät zurückgreifen kann (1:1 Ausstattung). Der Einsatz von temporären Tablet-Koffern mit 30 mobilen Endgeräten oder von schülereigenen Smartphones ist möglich, hat sich aber bei uns in der Schulpraxis aufgrund vieler Nachteile nicht bewährt. Die Ausstattung mit individuellen Schüler-Arbeitsgeräten darf aus sozialen, datenschutzrechtlichen und administrativen Gesichtspunkten nicht auf ein Bring-Your-Own-Device Konzept hinauslaufen. Für eine mögliche 1:1 Ausstattung mit Schüler-Tablets sollte durch den Schulträger eine Vollfinanzierung oder zur Not ein sozialverträgliches "Tablet-Leasing-Modell" zur Verfügung stehen.

9. Welche nachhaltigen Veränderungen erhoffst Du Dir nach dieser Phase der erzwungenen radikalen Digitalisierung des Unterrichts?


Während der Corona-Krise kam an vielen Schulen die digital angereicherte Bildung zum ersten Mal systematisch und flächendeckend zum Einsatz. Das Experiment "Fernunterricht" wird das Bildungssystem viel stärker prägen als alles, was die Politik im Bereich der Digitalisierung bisher beschlossen hat. Es zeigte sich aber auch ganz deutlich, dass die pädagogische Reichweite der digitalen Anwendungen Grenzen hat. Das menschliche Miteinander und die Dynamik im Klassenzimmer kann weder durch Mail-Kontakt, Audio-Chat noch Videokonferenz ersetzt werden. Neben dem sozialen Aspekt zeigte sich im Fernunterricht, dass ein stupides Abarbeiten von hunderten von Aufgaben auf zahlreichen Arbeitsblättern für noch mehr Erfolg in der nächsten Klassenarbeit wenig Sinn macht. Motivierend sind vor allem kreative, flexible und offene Aufgabenformate, die die Selbstständigkeit der SchülerInnen fordern und fördern. Aufgrund dieser Erfahrungen kann die Corona-Krise ein Ausgangspunkt für eine nachhaltige Schulentwicklung sein. Die Herausforderung besteht nun darin, die neuen Erkenntnisse für eine offene Lernkultur im Unterrichtsalltag fest zu verankern und mit den digitalen Möglichkeiten sinnvoll zu verknüpfen.

Patrick, vielen Dank für Deine Zeit und Deinen spannenden Input.
Wer mehr über Patrick erfahren möchte, der kann sich gerne auf seiner Homepage umsehen, die ich sehr empfehlen kann!

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