Cyber-Mobbing - Vorsicht vor dem bissigen Hund

Aktualisiert: Apr 29


In diesem Artikel wollen wir uns damit befassen, was Cyber-Mobbing ist, wie man erkennt, dass jemand gemobbt wird, wie man sich oder jemandem der gemobbt wird helfen kann, welche Rollen es noch gibt außer Täter und Opfer und wie die rechtliche Lage ist.


Was ist Cyber Mobbing?

Als Cyber Mobbing bezeichnet man die Form von Mobbing, die über das Internet ausgeführt wird. Das kann von Hänseleien über Bedrohungen alles sein, was es früher auch schon auf dem Schulhof gab. Früher musste man allerdings den Mumm haben, es dem Opfer direkt ins Gesicht zu sagen, heutzutage kann man sich hinter einem anonymen Nutzernamen im Netz verstecken – feiger geht’s nicht.


Früher fand Mobbing meist nur auf dem Schulhof oder in der Schule statt – man hatte wenigstens zuhause einen sicheren Hafen. Doch heutzutage trägt man den Feind quasi mit sich herum: In Messenger-Diensten und sozialen Medien –in der Hosentasche im Smartphone. Der eben genannte sichere Hafen ist im Cyber-Mobbing-Universum leider nicht mehr gegeben, denn zu jeder Tag- und Nachtzeit und egal wo, man ist angreifbar. Und das macht die Sache für die Opfer so schlimm.


Cyber-Mobbing ist keine Seltenheit mehr. Deshalb müssen wir uns und unsere Kinder auch für dieses Thema sensibilisieren. Sensibilisieren, indem wir auf das Thema aufmerksam machen. Dass sie sofort zu uns kommen können, sollten sie selbst Opfer werden. Aber auch, wenn sie es im direkten Umfeld beobachten und gerne etwas dagegen unternehmen möchten - und dass es wichtig ist, sich für andere stark zu machen.


Die JIM-Studie* 2018 vom Medienpädagogischen Forschungsverbund Südwest hat folgendes feststellen können:

„Verlässt man die Ebene möglicherweise unbedachter oder versehentlicher Handlungen und fragt die Jugendlichen, ob im Bekanntenkreis schon einmal jemand per Smartphone oder online fertig gemacht wurde, bejahen dies 34 Prozent (2017: 37 %). Mädchen (39 %) haben häufiger einen Fall von Cyber-Mobbing mitbekommen als Jungen (30 %) und abermals ist der

Anteil unter den 16- bis 17-Jährigen am höchsten (nämlich 40 %, 12-13 Jahre: 28 %, 14-15 Jahre: 32 %, 18-19 Jahre: 35 %).“


Ohne dass es zu Mobbing gekommen sein muss, könnt ihr euch mit euren Kindern mal gemeinsam die Cyber-Mobbing Erste-Hilfe-App von der EU-Initiative klicksafe.de anschauen. Sie soll Opfern, die sich noch nicht überwinden können, sich jemandem anzuvertrauen, eine erste Orientierung geben. Ich habe sie mir runtergeladen und tatsächlich ist sie sehr schön aufbereitet, man bekommt Tipps von zwei Guides (einem Mädchen und einem Jungen) in Video-Form. Außerdem interessante Infos bzgl. der rechtlichen Lage. für die erste Orientierung definitiv empfehlenswert.


Woran erkenne ich, dass mein Kind gemobbt wird?

  • Ein deutliches Warnsignal ist, wenn das Kind nicht zur Schule gehen möchte oder oft krank ist. Die Alarmglocken sollten hier verstärkt läuten, wenn das Kind sonst eigentlich immer gerne oder zumindest ohne Beanstandungen in die Schule gegangen ist. Wir müssen da nicht gleich die Mobbing-Keule schwingen, es könnte ja schließlich auch andere Ursachen haben. In jedem Fall ist es wichtig, hier das Gespräch mit dem Kind zu suchen. Wir müssen unseren Kindern zeigen, dass wir für sie da sind und dass sie uns ihre Sorgen anvertrauen können – auch, wenn die Kinder sich vielleicht dafür schämen, gemobbt zu werden.

  • Das Kind zieht sich mehr zurück und ist gereizt(er als sonst)? Es möchte nicht mehr von der Schule erzählen und ist immer kurz angebunden, reagiert aggressiv, wenn es auf den Tag angesprochen wird? Vollkommen verständlich, wenn man gemobbt wird, denn man trägt eine große Belastung mit sich herum, macht sich Sorgen, hat Angst, schämt sich dafür. (Cyber-)Mobbing ist reale psychische Belastung, die man keinesfalls als Kleinigkeit abtun sollte.

  • Zudem noch alle andere Verhaltensauffälligkeiten, vor allem dann, wenn diese sonst noch nicht/nicht in der Form aufgetreten sind: Appetitlosigkeit oder Gewichtszunahme, Schlafstörungen, Kopfschmerzen oder Bauchweh und ein gesenktes Haupt? Mit gesenktem Haupt meine ich, dass das Kind plötzlich kein Selbstbewusstsein mehr hat, die Schultern hängen lässt, nicht mehr fröhlich ist. Kopfschmerzen und Bauchweh sind ebenfalls oft Anzeichen für Stress. (Die Wochen vor meinem Abitur war ich auch regelmäßig von starken Bauchschmerzen geplagt und mein Arzt sagte, dass der Bauch der Spiegel der Seele ist, das Bauchweh also vom Stress käme) Dass Appetitlosigkeit oder Gewichtszunahme weitere Zeichen von Stress sind, wissen wir wahrscheinlich alle. Doch auch wenn Mobbing tatsächlich nicht zutreffen sollte, der Ursache muss trotzdem auf den Grund gegangen werden.


Dein Kind wird gemobbt? – was ihr gemeinsam tun könnt:

  • Blockieren. Man kann den Täter/die Täter blockieren, indem man deren Nummern oder Social-Media-Profile sperrt. Wenn man Glück hat, wird es somit dem Täter schnell langweilig und er lässt das Opfer in Ruhe. Was mich auch direkt zu Punkt 2 führt:

  • Nicht antworten. Auf den Täter eingehen, also ihm zu antworten macht ihm bestimmt nur noch mehr Spaß. Er kann dem Opfer außerdem das Wort im Halse rumdrehen und sich aus dessen Antworten nur noch mehr Angriffsfläche schaffen. Das ist bestimmt schwer, weil man sich ja schließlich verteidigen möchte, aber man kann dem Täter einen großen Teil seiner Macht nehmen, wenn man ihn einfach ignoriert.

  • Löschen (lassen). Man kann Dinge aus sozialen Netzwerken löschen lassen. Das ist gerade dann wichtig zu wissen, wenn Fotos o.Ä. des Kindes gegen dessen Willen kursieren. Neben einem geposteten Foto gibt es immer die Möglichkeit Optionen anzuklicken. Oft zeigt das Symbol drei Punkte, also „...“. Wenn man die anklickt, kann man das Foto unter Angabe von Gründen melden. Das Netzwerk (beispielsweise Instagram) überprüft die Meldung dann und löscht es hoffentlich. Ein schnellerer und effektiverer Weg kann aber sein, den Kundendienst direkt zu kontaktieren. Hierzu einfach auf der Homepage des Unternehmens nachsehen, ob eine Telefonnummer gegeben ist. Achtung: Das ist leider nicht immer der Fall, oft kann man das Unternehmen auch nur via E-Mail erreichen.

  • Das Schlachtfeld verlassen. Wenn man nicht nur im Privat-Chat (einfach denjenigen blockieren), sondern auch in der Klassen-Gruppe gemobbt wird: diese einfach verlassen. Auch das ist nicht einfach, weil man Angst hat, dann etwas zu verpassen, aber so nimmt man dem-/denjenigen ihre Kanäle, auf denen sie mobben können. Außerdem hat man dann seine Ruhe. Wenn die Täter dann neue Wege finden (ihr Profil wurde blockiert, also erstellen sie sich ein neues), auch diese weiterhin blockieren.

  • Beweise sichern. Das, was schon passiert ist, unbedingt durch Screenshots sichern. Das ist nämlich vonnöten, sollte es zu einem Gerichtsverfahren kommen. Denn ohne Beweise geht hier nichts. Also bevor man verletzende Nachrichten löscht, lieber erstmal einenScreenshot machen, auch wenn es weh tut. Auch ist es gut, die Nachrichten, Fotos, etc. mehreren Personen zu zeigen, die notfalls als Zeugen auftreten können.

  • Darüber reden. Falls das Kind gemobbt wird, dann hilft es schon sehr viel, wenn es einfach mit jemandem, also beispielsweise uns als Eltern oder Geschwistern, reden kann – sagen Betroffene. Aber das Thema sollte nicht zum Dauerbrenner werden, denn dann wird das Kind stets daran erinnert. Wichtig ist natürlich auch, dass man dem Kind klarmacht, dass es nicht an ihm liegt, dass es jeden treffen kann, dass nichts falsch mit ihm ist und dass man immer und jederzeit hinter ihm steht.

  • Lehrer mit einbeziehen. In Foren, in denen sich Mobbing-Opfer austauschen, habe ich immer gelesen, dass folgende Schritte immer mit dem Kind besprochen werden sollten: Es kann hilfreich sein, die Lehrer aufzuklären, um mögliche Lösungsansätze zu besprechen. Beispielsweise einen Info-Nachmittag zu veranstalten, bei dem über die psychischen Folgen von Mobbing aufgeklärt wird, bestenfalls von einem externen Experten. Generell sollte der Lehrer aber auch deshalb in Kenntnis gesetzt werden, damit er seine Klasse im Auge behalten kann, das Thema mit der Klasse thematisieren kann


Opfer, Täter – welche Rollen gibt es außerdem?

Es gibt das Opfer und den Täter. Wobei es oft auch mehrere Täter sind, die sich zusammenschließen, was es für das Opfer noch schlimmer macht, denn so wird die Ausgrenzung noch deutlicher. Aber wen gibt es noch?


  • Die Ansporner: Sie sind die, die den Täter anspornen, aber selbst nicht direkt mobben. Sie sind also dabei, wenn der Täter fiese Nachrichten schreibt, bestärken ihn darin, feuern ihn vielleicht sogar an, würden es (das direkte Mobben) selbst aber nicht tun. Also stellen sie sich hinter ihn und lachen über seine Tätigkeiten. Der Täter/die Täter fühlen sich dann noch stärker. Vielleicht spornen sie den Täter nur deshalb an, aus Angst, andernfalls selbst von dem Täter gemobbt zu werden.

  • Die Zuschauer: Sie machen nicht mit, helfen dem Opfer aber auch nicht: Sie wollen sich raushalten. Außerdem fühlt man sich nicht in der Verantwortung zu helfen, wenn noch ganz viele andere „beteiligt“ sind. Wenn also im Klassenchat jemand gemobbt wird und noch 29 andere dabei sind und schweigen, fühlt man sich auch nicht so sehr angesprochen, etwas zu tun: Der sogenannte Bystander-Effekt zeigt hier volle Entfaltung. Aber auch sich rauszuhalten ist nicht der richtige Weg. Ich verstehe, dass man keine Probleme bekommen möchte oder die Angst hat, dann selbst gemobbt zu werden. Aber man muss sich in die Lage des Opfers versetzen: Wenn man selbst gemobbt werden würde, würde man sich doch auch Hilfe wünschen. Aber wie gesagt, gerade in jungem Alter hat man bestimmt Angst, sich einzumischen. Hier kommen die Eltern und große Geschwister ins Spiel. Wir müssen unseren Kindern, Geschwistern, Cousinen und Cousins, Patenkindern, Nichten und Neffen von früh an vorleben, dass es etwas Erstrebenswertes, ja etwas Tolles ist, sich für andere einzusetzen. Es gibt Situationen, in denen jeder von uns mal schwach ist, verletzbar ist (wie beispielsweise wenn man einen Blog betreibt, auf dem man sich traut, Eltern Ratschläge zu geben :-)), und dann ist es gut, jemanden an seiner Seite zu wissen, der hinter einem steht. Zivilcourage muss nicht immer heißen, in eine Schlägerei am Bahnsteig einzugreifen, sondern fängt schon im Kleinen an: Sich auf die Seite des Opfers zu stellen, wenn jemand gehänselt und gemobbt wird. Demjenigen zeigen, dass er nicht alleine ist.

  • Die Helfenden: Es gibt sie, dem Himmel sei Dank. Die, die einschreiten. Die, die dem Täter sagen, dass er seine Klappe halten soll, das Opfer in Ruhe lassen soll. Die, die sich sogar trauen, bei physischen Auseinandersetzungen dazwischen zu gehen. Die, die den Lehrer aufklären, dass es Probleme gibt und ihn bitten, zum Beispiel eine Info-Veranstaltung abzuhalten. Es gibt viele Möglichkeiten dem Opfer zu helfen. Lasst uns alle Helfende sein und unsere Kinder zu Helfenden erziehen.


Die rechtliche Lage

Im Strafgesetzbuch ist Cyber-Mobbing leider noch kein Straftatbestand, trotz der Tatsache, dass dieses Phänomen bei den Opfern zu langfristigen, traumatischen, psychischen Schäden führen kann.

Jeder Fall wird, sollte er vor Gericht kommen, einzeln betrachtet.

Die Straftaten sind meistens:


  • Verletzung am Recht am eigenen Bild (§33 Kunsturhebergesetz): wenn Fotos vom Opfer gegen dessen Willen verbreitet werden

  • Verletzung des höchstpersönlichen Lebensbereichs durch Bildaufnahmen (§201a StGB): wenn das Opfer beispielsweise in der Umkleide oder auf Toilette fotografiert wird

  • Beleidigung (§185 StGB): eine direkte Beleidigung gegenüber dem Opfer

  • Üble Nachrede (§186 StGB): der Unterschied zu Beleidigungen ist, dass hierbei die Beleidigung gegenüber anderen Personen geäußert wird, also hinter dem Rücken des Opfers

  • Verleumdung (§187 StGB): eine Aussage über das Opfer gegenüber Dritten, wohlwissend, dass es eine Lüge ist. Bsp: „XYZ hat mich sexuell belästigt“.

  • Nötigung (§240 StGB): wenn das Opfer zu etwas gezwungen wird

  • Nachstellung (§238 StGB): auch bekannt als Stalking

  • Gewaltdarstellung (§131 StGB): bsp. wenn die Ansporner den Täter dabei filmen, wie er das Opfer verprügelt und das Material dann online gestellt wird

  • Körperverletzung (§223 StGB): auch psychische Gesundheitsschädigung fällt darunter

  • Erpressung (§253 StGB): der Täter versucht sich selbst zu bereichern indem er das Opfer mithilfe von Gewalt (oder dem bloßen Androhen von Gewalt) erpresst

  • Bedrohung (§241 StGB): wenn das Opfer mit Körperverletzung bedroht wird


Zuerst kann man versuchen, mit dem Täter, ggf. unter Einbeziehen seiner Eltern und Lehrer, zu reden. Sollte er sein Verhalten danach trotzdem nicht ändern, kann man eine außergerichtliche Abmahnung in Betracht ziehen.

Darin muss man den Sachverhalt korrekt darstellen (hier sind die oben genannten Screenshots von Nutzen) und die Aufforderung niederschreiben, das mobbende Verhalten zu unterlassen. Außerdem muss festgehalten sein, dass der Mobber etwaige Fotos und Sonstiges sofort löschen muss. Der Täter (oder gesetzlicher Vertreter) muss diese Erklärung dann unterschreiben. Wird er darüber hinaus nochmal mobben, wird eine Vertragsstrafe fällig. Diese Abmahnung, auch Unterlassungserklärung genannt, solltet ihr übrigens von einem Rechtsanwalt verfassen lassen, damit das auch wirklich wasserdicht ist.

Diese Abmahnung ist der Versuch ein Gerichtsverfahren zu vermeiden – das kann man dem Mobber gerne auch so klarmachen.

Wenn der Weg der Abmahnung nicht klappt, kann eine Klage oder eine einstweilige Verfügung in Betracht gezogen werden.

Die einstweilige Verfügung ist ein für Notfälle gedachtes Eilverfahren, um Rechtsverletzungen zu stoppen. Sie geht schneller über die Bühne als eine Klage. Gerade bei dem Thema Cyber-Mobbing ist es wichtig, schnell zu handeln. Eine Klage, deren Umsetzung Monate dauert, ist hier also weniger passend als die einstweilige Verfügung.

Das war nur ein kurzer Zusammenschnitt der rechtlichen Lage. Es ist schwierig, diese perfekt auf den Punkt zu bringen, zu unterschiedlich ist jeder einzelne Fall und zu kompliziert finde ich das deutsche Rechtssystem. Ich hoffe aber, dass es für einen groben Überblick gereicht hat.

Interessante Infos aus erster Hand findet ihr unter: http://www.schueler-gegen-mobbing.de/ueber-uns/
Man kann sich auch mit seiner Schule bei www.exclamo.org anmelden. Dort bekommt man Unterrichtsmaterial für Lehrer, aber auch eigene Zugänge zu der App für jeden Schüler und Stellen, bei denen man sich melden kann, wenn man selbst oder jemand anderes betroffen ist.

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Info: Die sogenannte JIM-Studien (Jugend, Information, Medien) und die KIM-Studien (Kindheit, Internet, Medien) sind repräsentative Studien zum Medienalltag Jugendlicher und Kinder in Deutschland. Sie werden seit 1998 (JIM) und seit 1999 (KIM) ein Mal jährlich (JIM) und alle zwei Jahre (KIM) durch eine telefonische Befragung rund 1.200 Jugendlicher und 1.200 Kinder im Alter von zwölf bis 19 (JIM) beziehungsweise sechs bis 13 Jahren (KIM) erhoben. Der Herausgeber der Studien ist der Medienpädagogische Forschungsverbund Südwest, eine Kooperation zwischen der Landesanstalt für Kommunikation Baden-Württemberg und der Landeszentrale für Medien und Kommunikation Rheinland-Pfalz. Was die JIM-und KIM-Studien zu wertvollen Quellen macht, da sie somit von keinem Unternehmen gesponsert sind, welches persönliche Absichten (wie Lobbyarbeit) verfolgen könnte.


Beitragsbild: Alexas_Fotos - Pixabay.com


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