Hate Speech - Hass im Netz.

Aktualisiert: Juli 20



In diesem Artikel möchte ich einen Überblick über das Thema Hate Speech geben. Was das ist, warum es auch für digitale, politische Debatten problematisch ist, welche Auswirkungen es auf Betroffene haben kann und wie man Hate Speech entgegenwirken kann. Außerdem habe ich am Ende noch ein paar Links von Stellen zusammengestellt, an die man sich wenden kann, wenn man von Hate Speech betroffen ist.


Was ist Hate Speech?

Hate Speech, also Hassrede, beschreibt das Ausdrücken von Hass im Netz gegen bestimmte Gruppen oder Gruppenzugehörige. Es kann Menschen einer bestimmten Hautfarbe, Religion, sexuellen Orientierung, politischer Einstellung, Herkunft, eines bestimmten Geschlechts oder körperlicher Beeinträchtigung treffen.


Die Personen oder Personengruppen werden durch sprachliche Handlungen abgewertet und bedroht. Merkmale sind Beschimpfungen und Verleumdungen und teilweise sogar Aufrufe zu Gewaltmaßnahmen gegenüber den Gruppen oder Einzelnen. Oft verstößt Hassrede gegen §130 des Strafgesetzbuchs (Volksverhetzung), gegen §185 des Strafgesetzbuchs (Beleidigung), gegen §241 des Strafgesetzbuchs (Bedrohung) oder gegen §111 des Strafgesetzbuchs (Öffentliche Aufforderung zu Straftaten).


Ihr seht: Hassrede hat eine ziemlich große Bandbreite, deshalb gibt es auch keine einheitliche Definition. Man muss natürlich immer differenzieren und, mal überspitzt gesagt, nicht jeder Streit in Kommentarspalten ist gleich Hate Speech. Man muss sich online auch mal streiten können, und im Eifer des Gefechts können bestimmt auch mal scharfe Worte benutzt werden.


Grafik aus der Broschüre „Hate Speech – Hass im Netz“ von der Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen, der Arbeitsgemeinschaft Kinder- und Jugendschutz NRW und klicksafe.de.


Hate Speech vs. Cyber-Mobbing

Bei den meisten Definitionen von Hate Speech finden sich auch „einfache“ Beleidigungen, zu sehen auch in der Grafik (s.o.), zum Beispiel „Schlampe“. Das kann auch unter Cyber-Mobbing laufen, klar, jedoch richtet sich Cyber-Mobbing eher gegen einzelne Menschen und, anders als bei Hate Speech, nicht aus dem Grund, weil sie einer bestimmten Gruppe angehören, sondern aus anderen, persönlicheren Gründen.

„Aber das ist doch nur ein Kommentar im Internet“

Mit Sprüchen wie diesem bagatellisiert man Hass im Netz. Denn Hass im Netz ist Hass. Bedrohungen im Netz sind Bedrohungen. Das alles ist real.

Auch ist Hate Speech kein Problem oder gar eine Konsequenz des Internets. Es ist vielmehr so, dass die sozialen Netze der Hassrede „einen bequemen Weg von den Stammtischen direkt in die Öffentlichkeit“ liefern, wie Anatol Stefanowitsch (Sprachwissenschaftler) in dem Jahresrückblick Netzpolitik 2015/2016 gesagt hat.


Hass im Netz ist keine Seltenheit

Eine repräsentative Umfrage der Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen hat ergeben, dass etwa 78% der 14- bis 24-Jährigen in Deutschland schon mal Hasskommentare oder Hassrede im Netz gesehen haben.


Der Enthemmungseffekt im Internet

Problematisch ist auch, dass Hassredner im Netz leichter Gleichgesinnte finden, als im „echten Leben“ und sich in ihren Meinungen gegenseitig bestärken, zum Beispiel in Facebook-Gruppen oder eben in den Kommentarspalten. Man spricht außerdem von einem Enthemmungseffekt im Internet, also, dass man sich im Internet eher traut seine Meinung zu sagen und diese laut auszusprechen. Man lässt im Internet die Hemmungen fallen. Menschen sagen Dinge im Netz, bei denen ich mir nicht sicher bin, ob sie diese auch face-to-face zu jemand Anderem sagen würden.


Die Möglichkeit anonym zu sein (kein Muss; oft schreiben Leute auch unter ihrem Klarnamen Hasskommentare) und dem Opfer/den Opfern nicht in die Augen schauen zu müssen, verstärkt den Enthemmungseffekt.


Außerdem kann der Eindruck entstehen, dass die Hassredner:innen auch gesellschaftlich in der Mehrzahl sind, wenn sie in den Kommentarspalten dominieren. Das ist problematisch, denn so könnte man meinen, in Deutschland wimmle es von Rassisten, wenn in Wirklichkeit diese einfach nur am lautesten schreien.


Wer hasst?

Prof. Dr. Andreas Zick, Direktor des Instituts für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung der Universität Bielefeld fand in einer 10-jährigen Langzeitstudie zu gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit heraus, dass es keinen typischen Hassredner gibt. Es gibt sie in allen Bevölkerungsgruppen, egal ob arm oder reich, alt oder jung.

Hate Speech in politischen Debatten

„Was die Einzelnen verletzt, ist auch für demokratische Debatten ein Albtraum: Eine hasserfüllte Minderheit versucht, eine Meinungshoheit vorzutäuschen. Eingeschüchtert von der Übermacht solcher Kommentare schrecken zahlreiche Nutzer*innen davor zurück, ihre politische Meinung online zu vertreten.“#Hass im Netz – Der schleichende Angriff auf unsere Demokratie“, einer bundesweiten, repräsentativen Untersuchung von 2019.


Die Studie erforscht die Erfahrungen von 7.349 deutschen Internetnutzer:innen im Alter von 18 und 95 Jahren mit Hate Speech. Ganze 54% der Befragten gaben an, dass sie aufgrund drohender Hasskommentare seltener ihre politische Meinung in Diskussionen im Netz einbringen. Und ich muss zugeben, dass ich das sehr gut verstehen kann.


Gesundheitliche und berufliche Auswirkungen nach der Erfahrung mit Hate Speech

In einer bundesweiten, repräsentativen Untersuchung fand das Institut für Demokratie und Zivilgesellschaft heraus, dass 66% aller, die schon mal von Hasskommentaren im Netz angegriffen wurden, von verschiedenen negativen Auswirkungen betroffen waren.

Ganze 19% davon berichten von Depressionen. Wenn man alle Betroffenen nochmal in Altersgruppen unterteilt, wird deutlich, dass die jüngere Altersgruppe (unter 25 Jahren) besonders stark unter den Auswirkungen leidet. Depressionen bestätigen 31% und für jeden Vierten (28%) ergaben sich Probleme mit der Bildungseinrichtung oder im Beruf. Bei allen Altersgruppen zusammengenommen bestätigten Probleme mit der Bildungseinrichtung oder im Beruf „nur“ 15%.


Ohne noch weitere Zahlen einzubringen zu wollen, die diesen Artikel trocken machen würden, lässt sich schon hier ein sehr deutliches Fazit ziehen: Hate Speech sind nicht einfach „nur Hasskommentare“. Hate Speech kann in einigen Fällen zu ernstzunehmenden Gefährdungen der Gesundheit führen.


Was kann ich gegen Hate Speech tun?

Gegen Hassrede hilft nur Gegenrede, Counter Speech. Man kann auf die Hasskommentare antworten, aktiv werden, zeigen, dass man nicht damit einverstanden ist, was die Person gerade von sich gegeben hat. Somit stellt man sich nicht nur auf die Seite von den Betroffenen, sondern trägt auch dazu bei, im besten Fall, dass nicht die Hasskommentare dominieren, sondern die Gegenkommentare. Somit zeigt man: Hier sind wird und das, was ihr sagt, ist falsch. Wenn niemand Counter Speech betreibt entsteht ein verzerrtes Bild: Nämlich, dass die Hassredner:innen in der Überzahl sind.


Man sollte natürlich nicht mit Hass kontern, sondern sachlich bleiben (auch wenn es bestimmt manchmal schwerfällt).

Wenn konkret eine Einzelperson angegriffen wird, ist es auch deshalb gut, sich einzumischen, um der/dem Betroffenen zu zeigen, dass sie Unterstützung hat und nicht alleine da durchmuss. Man kann die Person auch im Privatchat anschreiben und sie fragen, was sie sich wünschen würde: Dass man sich in den Kommentaren beteiligt, mitdiskutiert und ihre Seite einnimmt. Oder möchte sie die Situation vielleicht lieber alleine deeskalieren?


Ich war mal bei einem interessanten Vortrag über Hate Speech von Freddy Greve, dem Gründer von kein mensch ist illegal. Außer dem Vortrag war auch die Diskussionsrunde danach sehr spannend und eine Aussage einer Frau war sehr eindrücklich und ich habe da noch oft drüber nachgedacht. Sie sagte: Ich sehe es als meine bürgerliche Pflicht auf Hasskommentare zu antworten. Auch, um unsere Demokratie zu erhalten.

Sie hat außerdem erzählt, dass sie täglich 1-2 Stunden darin investiert. Und klar, ich möchte Euch jetzt nicht dazu auffordern, täglich 1-2 Stunden auf Hasskommentare zu antworten. Aber trotzdem habe ich seitdem öfter (davor nie) auf Hasskommentare geantwortet, wenn ich welche gesehen habe. Aber, Achtung: Seelen-Hygiene.

Seelen-Hygiene

Ein komischer Begriff. Was ich damit meine, erkläre ich im Folgenden: Man kann natürlich nicht in jede Diskussion auf Sozialen Medien einsteigen und nicht auf jeden Kommentar antworten. Damit würde man erstens niemals fertig werden und zweitens wäre das sehr anstrengend, ja, fast schon ungesund. Ein Freund von mir hat sich kürzlich Twitter gelöscht (sein bis dato noch einziger Social-Media-Account), weil ihm der Hass dort zu sehr zugesetzt hat. In eine (Online-)Diskussion verwickelt zu sein raubt Energie und kann uns tiefer beschäftigen und mehr mitnehmen als uns lieb sein kann.

Wenn man das Gefühl hat, dass es helfen könnte, dass man einen Kommentar schreibt (zum Beispiel, wenn man jemanden in Schutz nimmt oder wenn man eine Aussage widerlegen kann), dann soll/darf/kann man das natürlich tun. Aber es ist vollkommen in Ordnung während einer Diskussion zu sagen, dass man jetzt aussteigt, wenn man merkt, dass es einfach gar nichts bringt mit der Person/den Personen zu sprechen.

Hannes Ley, der Gründer von #ichbinhier, sagte in einem Interview gegenüber der Vogue auf die Frage, ob sein Temperament bei bestimmten Kommentaren auch mal mit ihm durchgehe:

„Absolut. Wenn jemand schreibt: “Macht einfach Löcher in alle Rettungsboote und lasst die Flüchtlinge auf dem Grund des Mittelmeers ersaufen”, dann ist es unmöglich, ruhig zu bleiben. Ich musste lernen, dass es in solchen Fällen überhaupt nichts hilft, zu argumentieren. Stattdessen melden wir diese Person [den entsprechenden Behörden]. In Extremfällen, zum Beispiel wenn unsere Mitglieder mit sexueller oder physischer Gewalt bedroht werden, reichen wir auch Klage ein. Wir versuchen also nicht, Extremisten zu erziehen. Wir wollen vielmehr denjenigen, die die Kommentare lesen, zeigen, dass man seine Meinung auch anders ausdrücken kann. Wir wollen diese Radikalisierung des Denkens stoppen, und den Lesern zeigen, dass es bessere und differenziertere Arten gibt, über bestimmte Themen nachzudenken — und auf sie zu reagieren.

Wohin kann ich mich wenden, wenn ich von Hate Speech betroffen bin?

  • HateAid: Bietet Betroffenen eine erste Anlaufstelle und unterstützt sie bei ihrer Abwehr- und Kommunikationsstrategie. Unterstützen die Betroffenen mithilfe von externen Therapeuten kostenlos beim Verarbeiten von Hass, beim Sichern von Beweismaterial und bei der Nachbearbeitung. Wenn nötig stellen sie Betroffenen sogar kostenfrei anwaltliche Beratung und Vertretung zur Seite und übernehmen in geeigneten Fällen die Kosten für eine Zivilklage. Auf diese Seite hat mich @dermedienwolf aufmerksam gemacht. Vielen Dank für Dein lehrreiches Webinar zum Thema „Umgang mit Hate Speech“.

  • An die sozialen Medien selbst, denn seit dem 01. Januar 2018 unterliegen in Deutschland soziale Netzwerke mit mindestens zwei Millionen Mitgliedern dem Netzwerkdurchsuchungsgesetz (NetzDG). Dieses verpflichtet die Betreiber:innen, eine eingegangene Beschwerde innerhalb von 24 Stunden zu überprüfen und den Inhalt zu entfernen sollte er rechtswidrig sein. Bei wiederholten Verstößen drohen dem Unternehmen Bußgelder bis zu fünf Millionen Euro. Achtung: Beschwerden muss man über ein gesondertes Formular einreichen und ist somit nicht zu verwechseln mit der Melde-Funktion. Weil bei Facebook schwer zu finden, hier entlang: https://www.facebook.com/help/contact/1909333712721103

  • respect! Die Meldestelle für Hetze im Netz: ist ein Angebot des Demokratiezentrums Baden-Württemberg. Wenn man im Netz auf Hasskommentare stößt und etwas dagegen unternehmen möchte, kann man den entsprechenden Beitrag bei respect! melden. Bei einem Verstoß gegen deutsches Recht beantragt die Stelle beim Netzwerkbetreiber die Löschung des Beitrags. Doch nicht nur das, Verfasserinnen und Verfasser von Volksverhetzung werden konsequent angezeigt, denn respect! setzt sich dafür ein, dass die Hassredner:innen in die Verantwortung genommen werden.

  • #NetzCourage: ist ein gemeinnütziger Verein, der Betroffenen von Hate Speech kostenlose Hilfe anbietet. Vom Management des Social-Media-Profils bis zu einer kostenlosen Beratung für eine mögliche Gerichtsverhandlung. Außerdem leistet #NetzCourage Aufklärungsarbeit durch Podiumsdiskussionen und Kongresse, sowie Präventionsarbeit mit Workshops an Schulen und in Unternehmen.

  • hassmelden.de - die zentrale Meldestelle für Hatespeech: Hier kann man Inhalte melden, die man für strafrechtlich relevant hält, natürlich anonym. Alle Meldungen werden überprüft und in Kooperation mit dem Hessischen Justizministerium an die Zentralstelle zur Bekämpfung der Internetkriminalität weitergeleitet, und ggf. strafrechtlich verfolgt. Man findet auf der Seite auch Original-Kommentare, die gemeldet wurden, aber Achtung: Da wird einem schlecht. Shoutout an den medienwolf fürs darauf aufmerksam machen!



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