Unter der Lupe: Die App Houseparty

Aktualisiert: Apr 29


Bild: Auf dem offiziellen PressKit von Houseparty

Da die Video-Telefonie-App Houseparty gerade massiv trendet, habe ich mich mal etwas ausführlicher mit ihr auseinandergesetzt und einen Artikel für Euch geschrieben. Natürlich, wie immer, nicht ohne sie selbst auszuprobieren :-) Hier findet Ihr also generelle Infos über diese App, Positives wie Negatives (hello Datenschutz my old friend), sowie ein Fazit, wie Ihr nun mit Euren Teenagern verbleiben könnt.


Was ist Houseparty?

Houseparty ist eine App, mit der man mit bis zu acht seiner Freunde Video-telefonieren kann. Und hier trifft Houseparty einen Nerv: Zuhause bleiben zu müssen ist doof, ja, aber muss man deshalb auf seine Freunde verzichten? Nein. Und deshalb werden diese Treffen einfach ins Netz verlagert, unter Anderem in diese App. Was viele nicht wissen: Eigentlich gibt es die App schon seit 2016. Allerdings erlebt sie gerade einen ziemlichen Hype, da Freunde im „echten Leben“ zu treffen derzeit wegen der Corona-Pandemie eher schwierig ist.

Das Besondere an der App ist, dass man nicht eine Person anruft, sondern man betritt viel eher einen Raum, eine virtuelle Houseparty sozusagen. Ich öffne die App, gehe also online, und sehe dann beispielsweise, dass Kumpel A schon eine Houseparty abhält. Mit wem mein Kumpel A gerade Video-telefoniert (nennen wir ihn Fremden B) sehe ich, bis ich eintrete, nicht. Ich kann, sofern der Raum nicht abgeriegelt ist, die Houseparty also einfach beitreten und lande dann in dem Video-Telefonat, ohne dass Kumpel A und Fremder B vorgewarnt wurden. Es gibt kein Klingeln, ich tippe die Houseparty der beiden an und bin drinnen. Wenn jetzt mein Kumpel C die App öffnet und sieht, dass ich gerade in einer Houseparty bin, kann er dazukommen, obwohl er Kumpel A und Fremden B nicht kennt. So ergibt das dann eine bunte, und bestenfalls coole Mischung.

Ich finde zu der Zielgruppe leider keine Statistiken, aber ich habe viele Leute im Freundeskreis, die diese App seit dem Corona-Outbreak nutzen. Leute, die älter sind als wir (also älter als 25-30) und diese App nutzen kenne ich persönlich nicht, Jüngere dafür einige.

Im AppStore (iOS) ist Houseparty (Zeitpunkt der Recherche: 23.04.2020) in der Kategorie Soziale Netzwerke auf Platz 2 (hinter WhatsApp). Die Benutzeroberfläche der App, sowie die integrierten Spiele (dazu weiter unten mehr) sind auf Englisch und offiziell ist die App erst ab 13 Jahren. Aber bei dem Registrierungsprozess kann man einfach irgendein Alter angegeben, da man keinen Nachweis braucht.

Übrigens, Houseparty gehört seit dem 12. Juni 2019 zu Epic Games, dem Entwickler von Fortnite (worüber ich auch schon einen Artikel geschrieben habe).


Positives

1. Die App macht Spaß. Nicht nur, dass man mit seinen Freunden Video-telefonieren kann, auch gibt es die Möglichkeit gemeinsam lustige Mini-Spiele zu spielen. Zum Beispiel „Wer bin ich?“. Dein Gegenüber bekommt dann einen virtuellen „Post-It-Zettel“ auf die Stirn mit einem Namen und hat dann 60 Sekunden Zeit diesen zu erraten. Oder eine andere Version von „Heads Up“, bei dem mein Gegenüber ein Lied erraten muss, siehe Screenshot. Oder das Spiel „Quick Draw“ bei dem Person A ein Begriff angezeigt bekommt und diesen (auf den Bildschirm!) malen muss und Person B muss es innerhalb einer gesetzten Zeit erraten. Auch ziemlich witzig. Man kann auch gegeneinander quizzen. Diese Spiel-Kategorie heißt dann „Trivia“ und ist laut einer kurzen Twitter-Umfrage von Houseparty das meistgespielte Spiel der App. Man kann aus verschiedenen Kategorien auswählen, mal geht es um Geographie, mal um Allgemeinwissen, siehe Screenshot.




Nochmal vielen Dank an Euch, lieber Salvador und liebe Leia, dass Ihr mit mir die Spiele ausprobiert habt! Und danke an Julian, dass ich davon sogar Screenshots machen durfte. Dass Screenshots eine gute Idee wären, ist mir nämlich erst nach der Houseparty mit Salvador und Leia eingefallen, weshalb ich noch einen anderen Freund nötigen musste, mit mir Spiele zu spielen. :-)

2. Die meiner Meinung nach coolste Funktion dieser App ist, dass Deine Freunde (mit denen Du in der App verbunden bist) eine Benachrichtigung („Michelle is in the house“) bekommen, sobald Du online bist. Das heißt, wie anfangs schon erklärt, anders als bei anderen Video-Telefonie-Apps, muss man nicht jemanden anrufen, sondern man geht einfach online und die Freunde, die gerade Zeit und Lust haben, kommen dazu. Man kann aber auch ausstellen, dass die Freunde eine Benachrichtigung bekommen, sobald man die App öffnet.

Das Spannende daran ist, dass somit theoretisch auch Freundesfreunde dazukommen können. Wenn ich also mit Hansi telefoniere, sieht sein Freund Fritzi (den ich bis dato nicht kenne), dass Hansi online ist, und stößt zu unserem Anruf dazu. Das ist witzig. Wenn man es weiß. Als ich das noch nicht wusste war ich total überrascht, als ich mit meiner einen Schwester telefoniert habe und plötzlich unsere andere Schwester im Bildschirm auftauchte. Dem kann man aber natürlich auch wortwörtlich einen Riegel vorschieben: Man kann seine Telefonate auch über das Schloss-Symbol abriegeln, falls man mal keine Lust auf Gäste hat. Dabei spielt es keine Rolle, ob man den Raum abriegelt, wenn man zu zweit oder zu acht ist. Man selbst oder auch jemand anders kann den Raum allerdings auch jederzeit wieder öffnen.


Negatives

1. Ich finde die App sehr unübersichtlich. Oben und unten im Bildschirm gibt es jeweils eine Zeile mit jeweils drei bis vier Symbolen und ständig klickt man aus Versehen auf etwas drauf und irgendein Fenster öffnet sich. Freunde von mir finden die App auch sehr unübersichtlich, aber vielleicht sind wir auch einfach zu doof. Oder zu alt?

2. Es gibt einige In-App-Käufe, die man tätigen kann, siehe Screenshot. Erweiterungen zum Mini-Spiel „Head’s Up“, bei dem man den anderen Spielern ein Wort erklären muss (à la Tabu). Ich bin ja generell kein großer Fan von In-App-Käufen , weil gerade Kinder da schnell den Überblick über die Kosten verlieren können (sollte eine Kreditkarte mit dem Account verbunden sein).


3. Damit jetzt keiner denkt, ich würde Euch etwas vorenthalten: Oft wird beklagt, dass ein Teilnehmer Deiner Houseparty den Video-Anruf einfach mithilfe der Bildschirm-Abfilm-Funktion, die jedes neuere Smartphone hat, abfilmen kann und die anderen davon nichts mitbekommen. Und ja, das stimmt. Julian und ich haben es ausprobiert. ABER: Das ist nicht nur bei Houseparty so, sondern auch bei anderen Video-Chats wie FaceTime oder WhatsApp-Video.

4. Kommen wir nun zum eigentlichen Problem: Dem Datenschutz. Oh boy! Ich habe, morgens um 6:00 Uhr mit einem doppelten Kaffee bewaffnet, die Datenschutzerklärung von Houseparty durchgelesen. Es hat keinen Spaß gemacht, danke der Nachfrage. Vorweg ein „Fun“ Fact: Houseparty hat bei der OpenSource-Initiative PrivacySpy (die Datenschutzrichtlinien bewerten, kommentieren und archivieren) ein Ranking von nur 0,7 von 10!!! Zum Vergleich: Facebook hat 3,4/10, Twitter hat 5,5/10, Zoom hat 3,6/10, LinkedIn hat 6,2/10 und die Suchmaschine DuckDuckGo hat ganze 10/10. Zum Vergleich: Die Suchmaschine Google hat 4,8/10.

Hier ein paar Dinge, die ich mit Euch teilen möchte.

- Houseparty sammelt eben nicht nur Eure Daten, die Ihr eingegeben habt, sondern auch Eure Daten, von den sozialen Netzwerken, die Ihr mit der App verknüpft habt, zum Beispiel Snapchat oder Facebook.


- Wenn man sein Adressbuch verknüpft, speichert Houseparty alle Informationen wie Telefonnummern und Adressen von Euren Kontakten.


- Houseparty checkt, von welcher Seite Du kommst und auf welche Seite Du gehst, wenn Du die App verlässt. Das Datenspeichern betrifft also nicht nur Euren Aufenthalt in der App selbst!

- Houseparty speichert wie lange Du die App genutzt hast, mit wem Du in Kontakt bist und welchen Browser, sowie welches Gerät Du benutzt.

- Houseparty trackt, wo Du Dich befindest.

- Houseparty gibt Deine Daten an Dritte weiter. Aber gut, auch das ist leider nicht sooo ungewöhnlich.


Wer die ganze, aktuelle, Datenschutzerklärung lesen möchte, der möge bitte hier klicken.


Ich hatte in ein paar Artikeln gelesen, dass Houseparty nicht nur Eure Gespräche speichert, sondern auch analysiert und man keinerlei Rechte daran hätte. Wenn man also mit jemandem über eine glorreiche Geschäftsidee via Houseparty gesprochen hätte, dann hätte Houseparty theoretisch diese Idee nehmen können. Ich habe dazu aber in der aktuellen Datenschutzerklärung nichts gefunden, also habe ich mithilfe vonWaybackMachine die vorige Datenschutzerklärung von Houseparty aufgerufen. Die neue, die ich gelesen habe, gibt es nämlich erst seit dem 10. April 2020.

Und tatsächlich stand in der alten Datenschutzerklärung:



Was nun?

Ich möchte Euch nicht raten Houseparty zu löschen oder zu behalten. Diese Entscheidung soll jeder für sich selbst treffen. Ich persönlich habe mir die App nach der Recherche wieder gelöscht, aber nicht nur wegen dem fragwürdigen Datenschutz, sondern auch, weil ich sowieso schon genug Social Media habe und nutze.


Wenn Eure Teenager unbedingt Houseparty behalten möchten, was ich gut verstehen kann (Gruppenzwang), dann könnte man zusammen an ein paar Rädchen drehen.

1. Eigentlich selbstverständlich, aber man sollte über den Umgang mit Kontaktanfragen sprechen. Nämlich bestenfalls so, dass man nur Freundschaftsanfragen von Leuten akzeptiert, die man auch wirklich kennt. Denn: Man kann Nutzer über Namen finden. Das heißt, wenn ich den Namen Lisa eingebe, wird mir nicht nur die Lisa aus meinem Kontaktbuch angezeigt, sondern auch andere Nutzer, die Lisa heißen. Das könnte also eine Türe für Cyber-Grooming (darüber habe ich einen Artikel geschrieben) sein.

2. Erkundigt Euch, ob das Kind weiß, wie man Benutzer blockiert oder meldet. Falls nicht, erklärt es ihnen: Ihr klickt auf das Smiley-Symbol, unter dem Eure Houseparty-Kontakte angezeigt werden. Neben jeder Person sind 3 Punkte. Bei der Person, die Ihr melden oder blockieren möchtet, klickt Ihr auf diese drei Punkte und habt dann die Option, diese Person zu blockieren oder eben zu melden. Seine eigenen Freunde betrifft das in der Regel weniger, aber sollte man doch mal einen fremden Kontakt angenommen haben, der sich dann als Groomer herausstellt oder anderweitig komisch ist, dann ist diese Funktion enorm wichtig.

3. Es ist ganz witzig, dass man anderen Kontakten als online angezeigt wird, sobald man die App betritt. Die Kontakte bekommen dann sogar eine Benachrichtigung auf ihr Handy (sofern sie diese Funktion nicht ausgeschaltet haben) und können somit spontan entscheiden, ob sie "die Party betreten". Darüber sollte man sich aber im Klaren sein, und wenn man nicht möchte, dass man anderen angezeigt wird, kann man das auch einfach ausschalten.

4. Man sollte sich beim Installieren der App fragen, ob es wirklich sein muss, dass die App Zugriff auf die eigenen Kontakte bekommt. Man kann seinen Freunden ja auch einfach seinen Nutzernamen schicken.

5. Man kann beim Registrierungsprozess auch einfach falsche Daten angeben, da es sowieso nicht kontrolliert wird. Also gebt nicht Euren richtigen Namen und auch nicht Euer richtiges Geburtsdatum an. Schaut einfach, dass Ihr über 13 Jahre alt seid. Wobei, selbst das egal ist. Ich habe mein Alter beim Registrierungsprozess einmal falsch angegeben, sodass ich jünger als 13 Jahre war. Es kam die Meldung, ich könne mich nicht registrieren. Ich habe daraufhin die App geschlossen, wieder geöffnet und konnte ein anderes Geburtsdatum angeben.

Fun Fact: Da Houseparty in letzter Zeit häufig mit Hacker-Angriffen auf Spotify-Profile und Onlinebanking-Accounts in Verbindung gebracht wurde (wofür es keine Beweise gibt), vermutet Houseparty, dass das ein Angriff gegen sich sei, um ihnen zu schaden. Houseparty hat nun 1 Mio. US-Dollar Belohnung ausgesetzt für denjenigen, der einen sicheren Beweis liefern kann, der seine Theorie bestätigt. There is no such thing as bad publicity - Es gibt keine schlechte Werbung ;-)




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