Pornos - von Bienchen, Blümchen und großen Titten

Aktualisiert: März 7



„So etwas anzuschauen aber setzt Maßstäbe. Maßstäbe, aus denen dann Störungsbilder werden. Denn die Bilder verschwinden nicht einfach. Nach und nach setzten sie in meinen Patienten so etwas wie eine innere Richtschnur fest. Wenn dein Glied nicht dieser Größe entspricht und du es nicht so gut kannst, dann brauchst du gar nicht erst anzufangen: Das ist die Botschaft, die von diesen Filmen bleibt. Und die Bilder schieben sich, wenn es zu ersten sexuellen Begegnungen kommt, zwischen den jungen Mann und seine Freundin.“

- Georg Milzner, Psychotherapeut, in seinem Buch „Digitale Hysterie“ (Beltz, 2016)


Pornos. Noch so ein Thema, an dem wir im digitalen Dschungel einfach nicht vorbeikommen. Und weil wir nicht dran vorbeikommen und Pornos heutzutage mit ein paar Klicks für jeden kostenlos zugänglich sind, müssen wir unsere Kinder diesbezüglich aufklären. Ich meine damit nicht, dass wir sie darüber aufklären müssen, dass es Pornos gibt und wo sie am besten zu finden sind. Sondern wir müssen den Kids klarmachen, dass das Gesehene nicht real ist, dass es einen Unterschied zwischen Pornographie und der Wirklichkeit gibt. Ansonsten können Unsicherheiten in Bezug auf den eigenen Körper und die ersten sexuellen Anbahnungen entstehen. Nicht nur das, auch ein unrealistischer Leistungsdruck kann die Heranwachsenden beinträchtigen.


Übrigens werde ich in diesem Artikel nicht auf Themen wie Nacktbilder unter Jugendlichen und Sexting eingehen, da das zwar ähnliche Themen, aber umfangreich genug für einen eigenen Artikel sind.


Ein paar Fakten, um die Größe der Porno-Industrie zu veranschaulichen (man beachte, dass es hier nur um eine einzige Porno-Seite geht):


- Die jährliche Statistik von Pornhub, einer Porno-Seite, hat 2019 ergeben, dass wenn man nur das Material von Pornhub, welches 2019 hochgeladen wurde, im Jahr 1850 anfangen würde zu schauen, würde man heute noch dransitzen. „If you strung all of 2019’s new video content together and started watching them way back in 1850, you’d still be watching them today!“ https://www.pornhub.com/insights/2019-year-in-review


- 2019 verzeichnete Pornhub 42 Milliarden Besuche, was täglich etwa 115 Millionen Besuche ausmacht. „In 2019 there were over 42 Billion visits to Pornhub, which means there was an average of 115 million visits per day.“ https://www.pornhub.com/insights/2019-year-in-review


Aber von vorne.


Warum schauen sich Kinder Pornos an?


Wir können unsere Kinder nicht davon abhalten, früher oder später Pornos zu sehen. Können wir einfach nicht. Keine Regel, kein Verbot und kein technisches Hilfsmittel könnte das verhindern.

Da wäre die eine Möglichkeit, aus Versehen mit solchen Bildern konfrontiert zu werden wie meine Freundinnen und ich als wir mal eine Halloween-Film-Nacht gemacht haben und abends dann plötzlich solche Clips in der Werbung kamen.


Dann wäre da noch der Fall, dass man sowas von seinen Freunden/Bekannten gezeigt bekommt, gewollt oder ungewollt.


Und schließlich, hello Realität my old friend, suchen die Kids auch einfach manchmal nach solchen Inhalten. Geschlossene Türen wollen schließlich geöffnet werden.


Kinder wollen sich nun mal aufklären. In Pornos erhoffen sie sich, gezeigt zu bekommen, wie „es geht“. Ich glaube, dass fast kein Kind sich traut, nach Details zu fragen – weder beim Aufklärungsunterricht in der Schule, noch bei den Eltern. Bei Pornos kann man sich das ganz in Ruhe anschauen.


Außerdem kriegen die Kinder vielleicht einen Kick, weil sie genau wissen, dass man das eigentlich nicht machen soll. Pornos gucken: Ist ja schließlich ein Tabu. Menschen wollen eben Regeln brechen, Verbotenes tun.


Daraus resultiert dann wiederum, dass man dann bei seinen Freunden mit dem neu erworbenen Wissen prahlen kann. Vielleicht gerade auch dann, wenn man ältere Freunde hat und damit cooler wirken möchte.


Und schließlich: Joa, irgendwann setzt halt der Sexualtrieb ein und spätestens dann möchte man auch einfach mal nackte Haut sehen.


Was kann man als Eltern oder große Geschwister tun?


- Ganz wichtig: Ruhig bleiben. Wir rennen jetzt nicht zu unserem Kind ins Zimmer und fragen, OB ES SCHON MAL PORNOS GEGUCKT HAT.


- Wir sollten aber tatsächlich mit unseren Kindern über das Thema sprechen, am besten noch vor der Pubertät. So kann man von Anfang an klarmachen, dass es etwas völlig Normales ist, sich Informationen zum Thema Sex einholen zu wollen, weil man Mama und Papa bestimmt nicht alles fragen möchte. Ein privater, entspannter Rahmen ist hier bestimmt von Vorteil. Vielleicht können auch große Geschwister mit in dieses Gespräch/diese Gespräche mit einbezogen werden. Ich als große Schwester kann dazu aus persönlichen Erfahrungen nur raten. Pro Tipp: Ich habe nun schon mehrfach gelesen (im Netz und in Büchern), dass sich solche Gespräche während einer Autofahrt anbieten. Der Rahmen ist nämlich ein lockererer, als sich gezwungen gegenüber an den Küchentisch zu setzen wie in einem Verhör. Im Auto muss man sich nicht in die Augen schauen, ist unter sich, und: Niemand kann einfach aufstehen und gehen :-)


- An dieser Stelle kann man dem Kind auch weiterführende Links (siehe unten) mit an die Hand geben („Oh man, wie peinlich!!!“), die das Kind vielleicht erstmal beschämt verweigern möchte, in einem stillen Momenten dann aber vielleicht doch mal reinschaut.


- Auch über den rechtlichen Aspekt müssen wir reden. Das Verschicken, sowie das Besitzen von pornographischen Inhalten kann nämlich strafbar sein (je nach Alter des Kindes und Schwere des Falls natürlich immer anders zu betrachten). Was aber durchaus passieren kann, sind Folgen wie Schulausschluss oder gar Schulverweis. Erklärt das euren Kindern und sie sollen das dann nach Möglichkeit (oder bei einem akuten Fall) ihren Freunden erzählen. Deshalb: Sollten eure Kinder pornographisches Material geschickt bekommen, dieses einfach direkt wieder löschen und keinesfalls weiterleiten.


- Das Wichtigste zum Schluss: Was wir unbedingt tun müssen, ist, den Kindern klarzumachen, dass Pornos nicht (!) die (!) Realität (!) abbilden. Riesige Genitalien, verrückte Stellungen, Gewalt (auf die die Frauen dann bestenfalls noch lustvoll reagieren), lautes Stöhnen, schnelle, mehrfache und heftige Orgasmen. Wenn junge Menschen so etwas sehen und selbst noch keine Erfahrungen gemacht haben, dann halten sie das natürlich für die Normalität. Und stehen dann unter enormen Druck, dem nachzukommen. Nicht nur das, eventuell werden dann auch Praktiken nachgemacht, die dem Partner/der Partnerin gar nicht gefallen (würgen, schlagen, etc.). Pornos sind zudem hauptsächlich auf Männer-Fantasien ausgelegt. Die Rolle der Frau ist meist unterwürfig, objektiviert – fernab von dem, wie es eigentlich sein sollte. Ihr könnt den Kids ja sagen, dass es wie mit anderen Filmen ist: Es sieht zwar real aus, ist aber geschauspielert.


Weiterführende Links für euch und die Kids:


- https://www.loveline.de/startseite/ - Das Jugendportal der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung zu Liebe, Sex und Verhütung

- https://www.rataufdraht.at - Ein Angebot von SOS Kinderdorf. Kostenlose und anonyme Beratung. Per Telefon, online oder via Chat.

- https://firstlove.at - Anonyme und kostenfreie Beratung für junge Menschen rund um die Themen Liebe, Sex, Verhütung, Schwangerschaft und Beziehungen. Das Team aus SexualpädagogInnen, PsychologInnen und SozialarbeiterInnen beantwortet alle Fragen vertraulich innerhalb von 72 Stunden.


Fazit


Auch wenn es wahrlich angenehmere Themen (für beide Seiten) gibt, als über Pornos zu sprechen: Macht es - und zwar lieber früher als später. Denn irgendwann werden die Kids mit Pornos konfrontiert werden (gewollt oder ungewollt) und dann sollten sie besser schon direkt wissen, dass dies NICHT die Realität darstellt, bevor sie total verstört werden. Wir als Eltern oder große Geschwister müssen „das Gespräch“ auch nicht nur einmal führen, sondern können immer mal wieder anbieten über das Thema zu sprechen. Wobei man die Kinder ja auch nicht nerven möchte. Aber wir sollten ihnen auf jeden Fall vermitteln, dass sie jederzeit zu uns kommen können, wenn sie eine Frage haben. Oder etwas gesehen haben, das sie verstört hat oder beschäftigt. Deshalb empfiehlt es sich Ärger oder Verbote zu vermeiden, falls es mal einen Vorfall gab. Dann ist die Hemmschwelle für die Kinder nämlich noch viel größer mit uns darüber zu sprechen oder sich uns anzuvertrauen. Aber lieber klären wir die Kinder auf, mit unseren Werten und Vorstellungen, als irgendwelche Pornos oder Internet-Foren, oder? Sexualität sollte als etwas Positives vermittelt werden und nicht als ein Tabu.






Photo by Burak K from Pexels

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