Unter der Lupe: die App TIKTOK

Aktualisiert: März 9



Was ist TikTok?

Musik, Comedy, Sport, Schauspiel, Tanzen – in 15 oder 60 Sekunden. TikTok ist eine App, eine Videoplattform, ein soziales Netzwerk, das 2016 auf den Markt kam. 2017 kaufte die Muttergesellschaft Bejing Bytedance Technology die chinesische App musical.ly, eine andere Kurzvideo-Plattform. 2018 wurden TikTok und musical.ly zusammengeführt – nun vollständig unter dem Namen TikTok.

Die zentrale Idee sind 15- oder 60-sekündige Videos, die man mit Musik unterlegen kann (aber nicht muss). Diese Clips kann man dann noch mit Filtern, Geräuschen, Emojis, etc. aufpeppen. Mittlerweile sind die kurzen Videos so breit gefächert, dass die Nutzer sehr kreativ werden und tanzen, schauspielern, Sporttricks zeigen, akrobatische Kunststücke aufführen, Streiche machen, oder sich meistens einfach was richtig Witziges einfallen lassen.


Fun Fact: ein Zeitungsartikel über diese App und ihre Schattenseiten hat mich damals dazu bewegt, mich mit dem Thema digitale Medien in Kinderhänden auseinanderzusetzen. Wenn ihr euch interessiert, warum ich mich mit dieser Thematik beschäftige und Aufklärungsarbeit zu leisten versuche, dann schaut doch mal in mein allererstes YouTube-Video rein.


Die Zielgruppe

Die Nutzer sind hauptsächlich Kinder und Jugendliche. Die App ist offiziell allerdings erst ab 13 Jahren, überprüft wird das bei der Anmeldung allerdings nicht. Man kann einfach irgendein Geburtsdatum angeben, wofür man keine Verifizierung liefern muss. Es ist daher ein offenes Geheimnis, dass auch Nutzer dabei sind, die jünger als 13 sind. Weltweit zählt die App etwa eine Milliarde Downloads (Stand Februar 2019), davon etwa 150 Millionen aktive Nutzer täglich. Unserer Generation wird ja eine kurze Aufmerksamkeitssspanne nachgesagt und genau hier setzt TikTok an: 15 oder 60 Sekunden, Like, Wisch, 15 Sekunden, Like, Wisch, 60 Sekunden, Like, Wisch. Das Tempo ist schnell in dieser App und genau damit scheint sie Erfolg zu haben. Und noch eine kleine, aber wichtige Info am Rande, die ihr euren Kindern unbedingt weiterleiten solltet: Aus urheberrechtlichen Gründen ist es nicht erlaubt, die Videos, die mit Musik unterlegt sind auf anderen Plattformen (wie Instagram) zu teilen).


Positives

  • Authentizität. Erfrischend fand ich die Authentizität der meisten Videos. Auf Instagram sind mittlerweile alle Fotos so dermaßen durchgestylt, vom Motiv, über die Pose bis hin zum Filter. Nicht zu vergessen die möglichst tiefgründige Bildunterschrift. Klar, gibt es auch auf TikTok richtige Profis, aber doch sind diese kurzen Clips einfach originell und meistens sehr witzig. Es wird in Jogginghose und ungeschminkt in der Küche, im Wohnzimmer oder in der Hofeinfahrt gefilmt. Das ist irgendwie mehr aus dem Leben gegriffen als das perfekte Instagram-Foto.

  • Die Skills. Also, ganz ehrlich, was die Jungs und Mädels da auf TikTok leisten, ist extrem gut. Innerhalb besagter 60 Sekunden (höchstens) kommen nicht nur Film-Schneide-Experten zum Vorschein. Auch, wie scheinbar mühelos die TikToker Tänze auswendig lernen, Lieder oder Film-Szenen lip-syncen oder Kunststücke aufführen beeindruckt mich sehr.

  • Make Langeweile great again. Zuerst wird gemeckert, dass die Kinder nur "vor YouTube hängen oder rumdaddeln" und jetzt wird über TikTok gemeckert? Sehe ich nicht ein. Sofern man mit den Kids über die Schattenseiten (siehe unten) gesprochen hat, und sie TikTok nutzen dürfen, finde ich es okay, wenn die Kinder mit Freunden oder Geschwistern stundenlang irgendwelche Tänze einstudieren und dabei ihren Spaß haben.

  • Unterhaltungsfaktor. TikTok ist einfach saumäßig unterhaltsam. Um diesen Artikel zu schreiben habe ich mir die App natürlich selbst installiert. Seitdem schaue ich mir regelmäßig irgendwelche „TikToks“ an, like und wische. Rein vom Unterhaltungs-Faktor her mag ich TikTok . Da man aufgrund der Schattenseiten ja aber nicht laut sagen darf, wenn man TikTok zu seiner Unterhaltung nutzt, bezeichne ich die App einfach als meine guilty pleasure. (Urban Dictionary: Something that you shouldn't like, but like anyway.)


Negatives

  • Pädophile und Cyber-Grooming. Eines der größten Probleme von TikTok ist, dass Kinder, vor allem Mädchen, schnell herausgefunden haben, dass es extrem viel positives Feedback hagelt (in Form von Kommentaren und Likes), wenn man sich freizügig und „sexy“ gibt. Pädophile geben sich auf der Plattform dann als Talent- oder Modelscouts aus und fordern die Kinder auf, ihnen Videos von sich im Bikini und High Heels zu schicken. Sie winken damit, sie groß rauszubringen. Aber nicht nur das. Auch werden die Kinder unter ihren Videos mit anzüglichen Kommentaren und Likes überhäuft. „Hot“, „Beautiful“, „Sexyyy“ und anzügliche Emojis sind keine Seltenheit. Die Kinder werden außerdem dann gefragt ob man privat (also in einem Messenger wie Kik oder WhatsApp) weiterschreiben will. Interessanter Fact: Indonesien sperrte die App im Juli 2018 zeitweise, sowie Indien im April 2019 – beide aufgrund der Vorwürfe, die App stifte zu pornografischen Inhalten an. Mehr zu den Anzeichen von Cyber-Grooming weiter unten.


  • Öffentliches Profil. Die App ist zwar offiziell erst ab 13 Jahren freigegeben, doch man kann einfach irgendein Geburtsdatum eingeben. Man wird nach keinem Beweis gefragt, dass man wirklich über 13 Jahre alt ist und man muss die angegebene E-Mail-Adresse nicht bestätigen. Dann geht es auch schon weiter nachdem man die App installiert hat: das eigene, eben erstellte Profil ist ungefragt auf öffentlich gestellt. Klar, noch ist nix hochgeladen, aber man muss einen Extra-Schritt gehen, um sein Profil auf privat zu stellen. Ein öffentliches Profil bedeutet, dass jeder die hochgeladenen Videos sehen, kommentieren und liken kann. Ein privates Profil bedeutet, dass ich jeden erstmal bestätigen kann, wenn mir ein Nutzer folgen möchte (also meine Inhalte sehen möchte). Und fremde Nutzer somit einfach ablehnen kann; sie sehen meine Inhalte dann nicht. Mit einem privaten Profil kann man sicherstellen, dass nur Freunde und Bekannte die eigenen Videos sehen können. Doch wer Aufmerksamkeit, Views, Kommentare und möglichst viele Likes haben möchte, der stellt sein Profil natürlich nicht auf privat.


  • Werbung. Wischt man sich durch die Videos kommt zwischendurch immer wieder mal eine Werbeanzeige. Das ist aber nicht nur ein Problem von TikTok, sondern ein Problem bei jeder kostenlosen App.


  • In-App-Käufe. Die App ist kostenlos, jedoch gibt es eine Möglichkeit innerhalb der App sein Geld auszugeben: Die sogenannten Coins. Für echtes Geld kann man sich Coins kaufen und somit seinem Lieblings-TikToker eine kleine „Spende“ als Zeichen der Anerkennung rüberschieben. Die Härte ist hierbei allerdings, dass die Beschenkten die Coins nicht in Geld umwandeln können. Nein, das Geld bleibt bei TikTok. Kompletter Unsinn in meinen Augen, aber nun ja, niemand hat gesagt, dass es sinnvoll sein wird. Redet am besten mit euren Kindern darüber, dass es überhaupt nix bringt, seinen Lieblings-TikTokern solche Geschenke zu machen. Wertvoller, und kostenlos, sind Likes und ein lieber Kommentar.

Screenshot: https://www.tiktok.com/legal/virtual-items?lang=de-DE

  • Einschränkungen unerwünschter Inhalte. Das hat zwar nicht unbedingt was mit Datenschutz-Aspekten oder technischen Begebenheiten der App zu tun, doch möchte ich den Punkt trotzdem mit aufnehmen. TikTok schränkt homosexuelle und queere Inhalte ein, da es eine chinesische App ist und in China Homosexualität zwar nicht direkt verboten ist, dort jedoch als Krankheit gilt. Kaum zu glauben, dass wir im gleichen Jahrhundert leben. Die App landete kürzlich auch damit in den Schlagzeilen, dass sie gestand, Inhalte von Menschen mit Behinderung eingeschränkt zu haben, um Mobbing zu einzudämmen. Netzpolitik.org berichtete. Auch übergewichtige Menschen fielen in die Gruppe der zu beschränkenden Inhalte. Was von TikTok angeblich als gut gemeinter Lösungsversuch gegen Mobbing gemeint war, stößt, völlig zu Recht, auf harsche Kritik. Über diesen Punkt könnte ich schon alleine einen kompletten Artikel schreiben. Wichtig ist mir, dass man darüber Bescheid weiß und sich somit ein eigenes Bild machen kann, ob man die App trotz ihrer Schattenseiten nutzen/erlauben möchte.

  • Daten-Krake. TikTok ist wie die meisten solcher Netzwerke eine wahre Daten-Krake. Vor allem, da sie auch Daten ausliest, die zum Benutzen der App eigentlich gar nicht benötigt werden. Mehr Infos findet ihr hier in dem wunderbar ausführlichen Bericht von mobilsicher.de


Was nun?

Ich predige immer, dass der beste Schutz nur durch eine umfangreiche Aufklärung und ein tolles Vertrauensverhältnis zwischen uns und den Kindern gewährleistet werden kann. Ich gebe hier also keine Anleitung, wie man die App möglichst schnell vom Smartphone löschen kann.

Falls euer Kind die App hat oder haben möchte, könnt ihr gemeinsam die Datenschutz-Einstellungen durchgehen und erklären, warum es sicherer ist, das Nachrichten von Fremden und den eigenen Standort zu deaktivieren. Einfach nur durchzusetzen, das Profil auf privat zu stellen, bringt in meinen Augen überhaupt gar nix, denn fünf Minuten später kann es ja wieder auf öffentlich gestellt werden, wenn das Kind das so will. Deshalb: Aufklären, aufklären, aufklären!

Erklärt euren Kindern, dass sich auf dieser Plattform Männer tummeln, die ihnen Böses wollen (an der Formulierung dürft ihr ruhig feilen). Erklärt, ggf. sogar anhand von Beispielen, wann ein Verhalten von anderen Nutzern komisch ist. Definiert, was zu weit geht, was unangebracht ist – von sich selbst und von anderen Nutzern. Erklärt auch, wie man andere Nutzer blockieren und sogar melden kann, wenn man ein mulmiges Gefühl hat. Ermutigt eure Kinder, auf ihr Bauchgefühl zu hören. Und wie immer unbedingt: Zeigt den Kindern, dass sie euch absolut vertrauen können. Dass sie in euch immer einen Ansprechpartner haben und somit gerne jederzeit mit Unklarheiten oder mulmigem Bauchgefühl zu euch kommen können.


Und wir müssen immer am Ball bleiben. Wir müssen regelmäßig mit den Kids ihre Apps durchgehen, sie fragen, was sie da so treiben. Sie fragen, warum sie welche App gerne nutzen und was ihnen Spaß macht. Man kann mit den Kindern ja ausmachen, dass, wenn sie eine neue App wollen, dass man sie erst gemeinsam anschaut, sich über Vor- und Nachteile informiert und die Entscheidung dann gemeinsam fällt. Wenn wir mit ihnen stets im Kontakt bleiben, bin ich mir fast sicher, dass wir ein noch gesünderes und besseres Vertrauensverhältnis zueinander aufbauen können als zuvor.

Und was wir uns auch immer vor Augen halten müssen: Es sind Kinder. Nicht alles muss sinnvoll sein. Nicht immer muss mit den Augen gerollt werden. Im Zweifelsfall mal an die eigene Kindheit zurückdenken :-)


Und hier noch eine Auflistung von Verhaltensweisen anderer Nutzer, bei denen man Vorsicht walten lassen sollte, bzw. wenn die Alarmglocken schrillen sollten:

  • Ein fremder Nutzer schreibt viele und überschwängliche Komplimente (oft auf Englisch), gerne gepaart mit anrüchigen Emoticons wie der Flamme, den Wassertropfen, der Aubergine (Hopfen und Malz ist übrigens verloren, wenn man einen harmlosen Auberginen-Emoticon als anrüchig einstufen muss so wie hier). Und manchmal fordern sie sogar mehr Haut oder dass sie doch beim nächsten Video High Heels tragen sollen. Beispiele: hot, sexyyy, so beautiful, wear high heels next time, show more, dm me (was heißt: schreib mir privat), etc. Gut zu wissen: Man kann übrigens auch deaktivieren, dass man private Nachrichten von fremden Nutzern bekommen kann (nicht zu verwechseln mit Kommentaren, die man leider generell nicht deaktivieren kann).

  • Ein fremder Nutzer schlägt vor, oft nachdem viele Kommentare und Likes hinterlassen wurden, privat weiterzuchatten - auf einem anderen Social Media Kanal wie Kik oder WhatsApp. Das macht man natürlich... nicht.

  • Ein fremder Nutzer stellt private Fragen, will wissen, wo man wohnt, wie man heißt, etc. – Auch hier nochmal: Wir müssen den Kindern klarmachen, dass sie niemals private Informationen wie die Adresse oder den Nachnamen in’s Netz stellen dürfen und somit logischerweise niemals auf solche Fragen antworten dürfen – auch nicht, wenn der andere Nutzer sich als ein gleichaltriges Mädchen ausgibt, das total mega superdupernett zu sein scheint. Vorsicht ist übrigens auch beim Hintergrund der Videos geboten: Erklärt dem Kind, dass man auch über den Hintergrund eines kurzen Clips viel preisgeben kann.


Fazit

TikTok ist nicht durchweg negativ zu betrachten. Es erweckt die Kreativität der Kids und es kann wirklich Witziges und Schönes in 15 und 60 Sekunden entstehen. Vielleicht ist gerade dieser kurze Zeitrahmen der Kreativ-Motor.

Allerdings hat die App viele schwerwiegenden Schattenseiten, gegen die leider zu wenig unternommen wird. Ich bin davon überzeugt, dass man das Böse aus dem Internet nicht verbannen kann. Aber wir können unseren Kindern von Cyber-Grooming und unnötige Coins berichten und somit den weltbesten Schutz schaffen: Aufgeklärt zu sein. Und da sind wir gefragt: ältere Geschwister, Eltern, Freunde, Lehrer.

Lasst uns mit unseren Kindern sprechen, Interesse zeigen. Fragt sie, welche Apps sie gerne nutzen und warum. Wenn TikTok dabei ist: Bitte nicht gleich das Handy aus dem Fenster schmeißen. :-) Lasst uns den gemeinsamen Dialog suchen, nicht immer alles verteufeln.

Lasst euch von den Sprösslingen den Account zeigen, falls sie einen haben. Wer weiß, vielleicht entpuppt sich ja ein Comedian oder ein Schauspiel-Talent. Erklärt ihnen anhand von oben genannten Gründen, warum sie gewisse Einstellungen vornehmen sollten: Nachrichten von Fremden deaktivieren, etc.

Das Ziel soll immer sein, die Kinder aufzuklären. Wenn sie also nur normale, witzige und kreative Clips mit Freunden teilen: Super. Wenn unangemessene Videos hochgeladen wurden: Diese gemeinsam löschen. An dieser Stelle muss es nicht mal Geschrei geben oder gar Hausarrest. Das Kind wusste es vielleicht einfach nicht besser (weil es alle machen?)?


Übrigens: Wenn ihr eurem Kind (noch) keinen eigenen Account erlauben möchtet, dann ist das vollkommen in Ordnung. Man kann allerdings auch ohne eigenen Account Videos auf TikTok anschauen. Man kann dann war nicht liken oder kommentieren oder eigene Videos hochladen, aber man kann wenigstens mitreden. Wäre das vielleicht ein Kompromiss?


Haben eure Kinder TikTok oder sogar ihr selbst? Ich war sehr überrascht auf TikTok so viele Eltern-Profile zu sehen, also ist die Frage nicht unberechtigt :) Ein beliebter Hashtag im deutschsprachigen Raum ist beispielsweise #elternmomente. Sehr witzig!

Wie geht ihr mit dem Nutzen eurer Kinder von TikTok um? Gibt es klare Regeln oder wie handhabt ihr das? Schreibt's mir gerne in die Kommentare, ich würde mich freuen!


Beitragsbild: Pexels.com

#Elternmomente: Eigener Screenshot in der App TikTok

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